#Hilfe um jeden Preis?


Entscheidungen respektieren, nicht bewerten, nicht analysieren. Einfach achten, das andere Geschöpfe ein eigenes Leben leben, eigene Entscheidungen treffen. Warum es manchmal so viel Stärke braucht, die Dinge einfach so zu lassen wie sie sind. Wie im Fall von Gabriela und Sparky aus Berlin.

 

Die Geschichte von Gabriela und Sparky.

Vor einiger Zeit flatterte eine Anfrage nach einem vermissten, wild lebenden Kater ein. Dieses intensive, berührende Gespräch - mit Kater und Mensch- gab nun endgültig den letzten Anstoß, meine Gedanken und Gefühle hier mit Euch da draußen zu teilen.

Wahrscheinlich würden viele von uns ganz ähnlich handeln wie Gabriela. Und es ist so wichtig, zu wissen, das wir uns zwar verantwortlich fühlen, es aber nicht immer sind. Ich möchte erneut eine Lanze brechen, die Dinge einmal aus der tierischen Perspektive zu betrachten. Dabei hilft Kater Sparky.  Wild lebende, freie Tiergeschöpfe, treffen täglich ihre eigenen Entscheidungen, abseits vom Menschsein, abseits von uns. Sie gehören niemanden, nur sich selbst. Häufig haben sich Tiere  bewusst entschieden , genauso zu leben, wie sie es tun: ohne starke Abhängigkeiten zu uns Menschen.

 

 

Natürlich treffen auch die Tierfreunde, die eng an unserer Seite leben, ihre eigenen Entscheidungen. Doch je enger sie mit uns zusammenleben, desto eher sind sie bereit, Kompromisse einzugehen. Oft, um uns glücklich, stolz und froh zu machen. Sie verzichten dann sogar auf Dinge, die sie gern täten oder die einfach in ihrer Natur liegen, z.B. jagen oder nächtliche Streifzüge.

 

Bei wild lebenden Tieren sieht die Lage nochmal anders aus. 
Und damit sind nicht nur Wildtiere wie Eichhörnchen, Vögel, Fuchs und Co. gemeint. Insbesondere Katzen haben sich häufig ganz bewusst für ein freies Leben entschieden, aus den unterschiedlichsten Gründen.

 

Für uns Menschen, die wir helfen wollen, Schmerzen zu lindern, oder Lebensumstände zu verbessern, kann es daher wichtig sein, unser Gefühl von „ich fühle mich verantwortlich“ einmal näher zu beleuchten. Lassen wir heute doch einfach mal einen Betroffenen zu Wort kommen:
Kater Sparky.

Der pechschwarze herrliche Katermann lebt in einer Kleingarten-Kolonie in der Nähe der Landeshauptstadt. Er kommt ganz gut zurecht, nähert sich Menschen jedoch mit gebührendem Abstand, zu stark sind die Erlebnisse von einst. Essen nimmt er dankbar an, körperliche Nähe lässt er nicht zu.

 

Eine Menschenfrau dieser Kleingarten-Kolonie empfindet große Zuneigung zum wilden Sparky. Sie kümmert sich um ihn, indem sie ihm regelmäßig Essen hinstellt und ihm jede Form der Zuwendung schenkt, die er zulassen kann.

 

Mit Sorge beobachet sie, das Sparky ein eiterndes Auge und eine dicke Backe hat. Sie entscheidet, den wilden Kater einzufangen und zum Tierarzt zu bringen, um ihm Schmerz und Leid zu ersparen.

 

Da er Menschen in gebührendem Abstand begegnet, passt sie einen günstigen Moment ab, wirft eine Decke über ihn, fängt den scheuen Kater ein und bugsiert ihn zum Tierarzt. Dort hat Sparky eine Zahn-OP, bekommt Antibiotikum und verbringt anschließend eine Woche im Tierheim, bis OP-Naht und Wunde verheilt sind.

 

Nach dieser Zeit holt die besorgte Menschenfrau den völlig verstörten, nun aber körperlich wieder hergestellten Sparky mit dem Auto ab, bringt ihn zurück in die Kleingarten-Kolonie. Kaum aus der Kiste, läuft Sparky um sein Leben und ward seitdem nur noch von hinten gesehen. Zum Essen kommt er nicht mehr.

Gabriela findet mich, weil sie Sparky mitteilen möchte, wie lieb sie ihn hat und warum sie getan hat, was sie getan hat. Sie möchte, das er sie wieder besuchen kommt, wieder zum Essen kommt. Er soll wissen, dass sie es gut mit ihm meint.

Soweit die Fakten. Die Absicht hinter Gabrielas Tun ist zu 100 Prozent gut. Und mein Herz schlägt für das, was sie für diesen wilden Katermann getan hat, ich habe großes Verständnis für ihr Handeln. Der Impuls, Sparky zu helfen, kam direkt und unmittelbar aus ihrem Herzen. Nach dem Gespräch mit Sparky sehe ich jedoch deutlich klarer, denn nun habe ich beide Seiten gehört.

 

Ich möchte an dieser Stelle mit euch teilen, was Sparky zu all dem zu sagen hatte - denn er war sehr deutlich, sehr vehement, sehr klar. Und ich hoffe, das ich damit einige von uns erreiche, die ihr Tun achtsam hinterfragen, b e v o r sie eine Entscheidung über den Kopf eines anderen Lebewesens hinweg treffen.

 

Und hier geht es nicht um unsere Kinder oder Tiere, die bei uns leben, für die wir die Verantwortung tragen, die wir schützen und natürlich zum Arzt bringen, um ihnen zu helfen.

Es geht um jene, die entschieden haben, OHNE uns zu leben. Wild lebende Tiere und auch Tiere, die keine eigene Familie haben.

Ein Berliner Kater packt aus :)

Schmerz und Leid ersparen wollen.

Die Absicht: zu 100% gut.

Es geht um Jene, die entschieden haben, ohne Menschen zu leben.


Ist unser Tun für ein anderes Lebewesen  Richtig, nur weil Die Absicht dahinter gut ist?

Das erste Gefühl, was Kater Sparky mir schickt, ist Enttäuschung. Bittere Enttäuschung darüber, erneut in eine Falle getappt zu sein. Er war bereit, sich Gabriela zu öffnen, das an Vertrauen zuzulassen, was er konnte, nach all seinem Erlebten - und wurde enttäuscht. Again.

 

Sparky ist ein Kater mit einer Vergangenheit, die einst bei Menschen begann. Er hat nicht von Anfang an wild gelebt. Doch vor geraumer Zeit hat er entschieden: ich möchte keine Abhängigkeiten mehr, keine unmittelbare Nähe zu Menschen. Auch wenn er dafür regelmässiges Essen und einen warmen Platz aufgibt - er hat sich entschieden, ohne Menschen zu leben.

Hier einige O-Töne des Gesprächs:

Sparky
Es dauert lange, sehr lange bis ich vertraue. Ich bin schon oft verlassen und enttäuscht worden. Vor allem von Menschen, von denen ich dachte, sie würden mir nicht schaden. Nun ist es wieder passiert. 


 

Ich bekomme das Gefühl, das sich die Begegnung mit Gabriela, weil sie über seinen Kopf hinweg entschieden hat, nahtlos einreiht in eine Kette von Ereignissen, an deren Ende Enttäuschung und auch Vertrauensmissbrauch stehen.

Sparky
Sie hat in MEINEN Raum eingriffen. Ich habe nicht darum gebeten, ich habe nicht danach gefragt. Sie hat entschieden, einzugreifen. Ohne mich zu fragen, ohne mich hören Es ist ein absoluter Eingriff in MEINEN Raum, mein Leben.

TK
Hättest Du dir gewünscht, sie hätte Dich gefragt, ob Du Hilfe haben möchtest?


 

Sparky
Ja. Und dann hätte diese Hilfe ganz klar verneint.

TK
Was, wenn Du schlimme Schmerzen bekommen hättest, wenn Du gestorben wärst? 


 

Sparky
Dann wäre das eben der Lauf der Dinge gewesen. Und ich hätte es angenommen. Genauso wie ich vor langer Zeit entschieden habe, nicht mehr nah bei und mit Menschen leben zu wollen.

Manchmal ist es viel schwieriger, nichts zu tun, als aktiv zu werden.

Es erfordert Stärke, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Nicht einzugreifen. Nicht in die Leben derer einzugreifen, die für sich entschieden haben, zu sein, was sie sind. Zu leben, wie sie leben möchten.

 

Und das heißt nicht, das wir denen, die Hilfe brauchen, unsere Hilfe verweigern.

Und es heißt um Gottes willen nicht, das wir wegsehen und uns sagen: nicht mein Problem.

 

Es bedeutet einfach, sich in solchen Situationen einmal mehr zu fragen: Wenn ich gewaltsam eingreife, ohne das Tier zu informieren, ohne es zu fragen, ob es sich Hilfe wünscht, was bedeutet das dann für das Tier? Ist es richtig, in das Leben des Tieres einzugreifen, weil ich gute Absichten haben, weil ich es für richtig halte?

 

Nur, weil wir etwas aus Liebe und mit guten Absichten tun, heißt das noch lange, das es für alle Beteiligten tatsächliche das beste ist.

Sparky ist nicht unmündig. Sparky trifft seine eigenen Entscheidungen. Sparky nimmt gern Essen von Menschen an und hält sich in der Nähe der Häuser auf, weil dies ein gewisses Maß an Schutz und Wärme bedeutet. Sind wir Menschen deshalb verantwortlich für sein Leben und können darüber bestimmen, was mit ihm geschieht?

Es gilt - wie in jeder Situation - zuerst einmal den Betroffenen selbst zu fragen. Sofern dieser erwachsen, überlebensfähig und selbständig ist.

 

Der lieben Menschenfrau aus Berlin habe ich gesagt: Weißt Du, das wäre in etwa so, als wenn Du immer dünner wirst und Deine freundliche, liebe Nachbarin von gegenüber würde dies mit Sorge beobachten. Irgendwann käme sie vorbei und würde eine Decke über Dich werfen, Dich festbinden und Dich zwangsernähren. Ein absurder Gedanke? Genau das schickt mir aber Dein Sparky als Gefühl. Du hast für ihn etwas entschieden, wozu Du - in seinen Augen - kein Recht hattest. Weil er nicht unmündig ist, nur weil er eine Katze ist und kein festes Zuhause hast. Er hat Dich nicht darum gebeten. Du hast ihn weder gefragt noch informiert.

Um mal bei dem abstrusen Beispiel der Nachbarin mit der Zwangsernährung zu bleiben: ihre Absicht ist GUT, denn sie will das Beste für Dich. Sie will nicht, das Du verhungerst. Doch bitte frag Dich jetzt, in diesem Moment, ob Du wollen würdest, das eine Dir im Grunde fremde Person (Nachbarin zwar, aber dennoch: nicht Familie. Nicht Deine Mutter, Dein Vater, Deine beste Freundin etc.) solcherart in Dein Leben eingreift und für Dich BESTIMMT, was das Beste für Dich ist? Über Deinen Kopf hinweg?

Wenn wir den Fall auf diese Weise beleuchten, verstehen wir vielleicht ein kleines bißchen besser, warum Sparky zu Recht enttäuscht war, das auf solch drastische Weise in sein Leben eingegriffen wurde.

 

Viele Tiere, die draußen leben, insbesondere Katzen, die bewusst entschieden haben, kein festes Zuhause zu haben, sind sehr selbstbestimmt. Wir Menschen vergessen leicht, das nicht nur wir unsere eigenen Entscheidungen treffen - Tiere tun das ebenso. Und wenn Du Tiere aufrichtig liebst, sie nicht als Untertanen, Knechte, Arbeitsmaterial, Sportgerät, Nahrung, Zeitvertreib oder was auch immer betrachtest,  dann respektierst Du das mit Deinem Herzen.

Es gibt sehr viele unterschiedliche Wahrnehmungen der Wirklichkeit, das sollten wir nicht vergessen. Sparky hat es gut getan, sich all das von der Seele zu reden. Mir hat es einmal mehr geholfen, zu hören, das Tiere eine klare, eigene Sichtweise auf das Leben haben. Und ich kann ausdrücklich beide Seiten verstehen: die menschliche und die tierische.

Sparky ist nicht unmündig.

Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Niemals.

Respekt vor der Ent-scheidung anderer Lebewesen.


Was aber tun, wenn ein Tier druaßen, Wildtier oder Haustier, Hilfe zu brauchen scheint?

Ich handhabe das so: Treffe ich ein Wildtier oder sehe ein Tier, das in meiner Wahrnehmung Hilfe benötigt, spreche ich es mental an und schicke als kurze Frage: „Geht es Dir gut oder brauchst Du Hilfe? Kann ich etwas für Dich tun?“

 

Das frage ich natürlich nicht standardmäßig, sobald ich einen Hund vor dem Einkaufsladen sitzen sehe oder eine Elster auf dem Parkplatz herumhüpft. Ich frage es, wenn ich das vage Gefühl habe, da stimmt etwas nicht.

Das letzte Mal half ich einer Amsel in der großen Hitzeperiode dieses Sommers.

Sie sass dick aufgeplustert und leicht zerzaust mitten auf dem Weg, wirkte orientierungslos.

 

Ich hielt in gebührendem Abstand mit meinem Fahrrad an und fragte:

Brauchst du was, geht es Dir gut? Sie blinzelte mich verwirrt an und ich empfing starken Durst. Sie wirkte geschwächt, wie jemand, der zu lange in der Sonne gesessen hatte. Ich teilte ihr mit, das ich Wasser dabei habe und ihr etwas hinstellen würde. Das könne sie in Ruhe trinken, wenn ich weg sei. Ich hatte auch Sonnenblumen-Kerne dabei, die würde ich neben das Schälchen legen. Als Zeichen ihrer Kooperation solle sie bitte vom Weg weghüpfen und unter den Busch gehen, der an der Seite stand. Ich betonte, es sei sowieso besser für sie, wenn sie nicht mitten in der Sonne stünde, sondern im Schatten wieder zu Kräften käme.

Sie hüpfte ein Stück nach rechts und steuerte dann den Busch an.

Dann blieb sie wieder stehen, als hätte sie vergessen, was ich ihr eben geschickt hatte. Sie war wirklich orientierungslos und wirkte dehydriert. Ich wiederholte alles und ging langsam auf sie zu. Nun kam sie in Bewegung und versteckte sich unter dem Busch. Ich stellte ihr das versprochene Wasser in einem kleinen Schälchen hin. Jepp, auch das hatte ich dabei. Meine Tasche ist groß und mein Mann sagt, es gäbe beinahe nichts, was man darin nicht fände :)

Dann fuhr ich mit dem Fahrrad davon.
Als ich am Abend denselben Weg zurückfuhr, sammelte ich das halb leere Schälchen ein, Amsel und Sonnenblumenkerne waren verschwunden. Sie brauchte meine Hilfe und nahm sie an.

 

Was aber , wenn sie ernsthaft verletzt gewesen wäre, so wie Sparky mit seiner dicken Backe?

Dann hätte ich ihr geschickt, dass sie sich von mir fangen lassen muss, damit ich ihr helfen kann. Sie hätte entschieden, das zuzulassen - oder eben auch nicht. So spreche ich einem Wildtier nicht das Recht der freien Entscheidung ab.

 

Und hier meine Bitte an Euch achtsame Menschen da draußen: Sprechen wir den Tieren bitte niemals das Recht ab, selbst entscheiden zu dürfen. Selbst dann, wenn wir die Entscheidung für falsch halten. Selbst dann nicht, wenn die Absicht hinter unserem Tun zu 100 Prozent gut ist.

 

Vielen Dank an Gabriela und Sparky, und das ich Eure Geschichte hier teilen darf.